|
- FunPark Fellhorn,
anno
2010
-
- An der Mautstelle "Illertal" wird uns das
"Erlebnispaket
Fellhorn" angeboten: Tunnel Kempten-Oberstdorf hin und zurück plus
Familientageskarte "Fellhorn Funpark" mit 10% Preisnachlaß. Wir
buchen. Unsere Chipkarte erhalten wir neu programmiert
zurück.
Mit den Daten steuert der Bordcomputer das Auto sicher zum neuen Ziel.
Auf dem Bildschirm erscheint ein Begrüßungsinfo.
Fünfzig
Meter unter der Iller geht es mit Tempo 110 und unter den
Jodelklängen der Einödsbacher Musikanten gen Oberstdorf. Ein
Mouse-Click auf die Lederhose des Zitherspielers startet einen
Videoclip
über die aktuelle Sepplmode. Beim Angebot einer Original
Allgäuer Familientracht geben wir unsere
Konfektionsgrößen ein und drücken die Entertaste. Die
Kleidung wird beim Empfang am Fellhorn bereitliegen. Beim
Tunnelkilometer 25 werden wir an den Bergrutsch von 97 erinnert. Noch
immer ist die alte B 19 unter dicken Schotterbergen begraben!
-
- Zehn Minuten später nimmt uns auf Deck 3 der
SöllereckTunnelgarage eine afrikanische Hostess in Empfang. Sie
übergibt uns die bestellte heimische Tracht. In der Umkleidekabine
mangelt es an einer Schere, und so stecken wir notgedrungen die
großen PlastikEtiketten mit der Aufschrift: "Original bayrische
Lederhosen made in China" nach innen, wo sie uns leidlich kneifen.
-
- "Fahrstuhl zum Schafott" hat ein anonymer
Spaßvogel
in die Schiebetüren des Liftes eingeritzt. Über den Sinn oder
Unsinn dieses Spruches nachzudenken bleibt keine Zeit, denn schon nach
genau 30 Sekunden öffnen sich die Türen und 200 neue Besucher
ergießen sich in die Halle der Bergstation. Draußen ist die
Live-Sicht aufgrund einer das Fellhorn einhüllenden Wolkendecke
zwar
nicht möglich, die Großbild-Videoprojektion liefert aber
beeindruckende Panoramablicke auf die umliegende Bergwelt. Per Zuruf
zoomen sich Gipfel in greifbare Nähe: Nebelhorn, Hochvogel und
Trettachspitze glühen im Abendrot. Auf den Wunsch "Winter"
bestäuben sich die Felsendome mit glitzerndem Weiß. Als die
Kinder immer schneller sich widersprechende und unlogische Anweisungen
rufen, stürzt das Videoprogramm ab und das Bild bricht abrupt
zusammen. Dies nehmen wir zum Anlaß, uns dem Einstieg des
Gondelrestaurants zuzuwenden. Wir tippen die Code-Nummern für
Getränke und Essen in den Terminal-Kellner ein. Nach dem
Grünen Signal stürmen die Kinder die mit Speisen
bestückte Gondel und checken die TV-Programme durch. Jetzt
heißt es genießen und relaxen. Hinter Mast 23 machen wir
plötzlich graue Gestalten unten im Wolkennebel aus, die
gestikulierend die Arme in die Luft strecken. Wir winken zurück.
Als aber aus der Gondel vor uns Häppchen nach unten geworfen
werden
und die Gestalten in zerrissenen Gewändern sich zankend
darüber hermachen, wird uns schnell klar, daß dies die
Oberstdorfer Bergclochards sein müssen. Wir sind betroffen,
daß solche Vagabundiererei in diesem als renommiert geltenden
Fun-Park geduldet wird!
-
- Wir haben genug vom Essen und geben als neues
Fahrtziel
"Gletscherstadion" ein. Die um die Jahrtausendwende fertiggestellte
Halle war die Antwort der Touristiker auf die Klimaerwärmung: 50
Meter breit und 2000 Meter lang, überspannt sie einen
künstlichen Gletscher. Kühlschlaufen sorgen im Hallenboden
für die Beständigkeit der weißen Pracht. Wir haben im
Nu
die Skier angeschnallt und hängen mit einem Click im Bunjee-Seil,
das mit einer computergesteuerten Laufrolle an der Deckenschiene
nachgeführt wird. Mit atemberaubenden Schleuderschwüngen
stürzen wir uns talwärts. Die Audio-Anlage belohnt uns mit
Applaus und spornt uns zu weiteren, waghalsigen Aktionen an. Nach
fünf Durchgängen erinnert uns das Display im Turbo-Sessellift
an den nächsten Programmpunkt: die Kulturveranstaltung im
Bergtheater!
-
- Als Vorprogramm wird eine Bergmesse mit besinnlichem
Alphornblasen angeboten. Ärgerlich ist die umständliche
Abrechnung mit dem Bergpredigt-Verein. Dieser ist nicht dem
Chipkarten-Kreditsystem angeschlossen und kassiert Bargeld. Wir
durchsuchen
alle
Bags, bis wir fündig werden und den Kirchendiener mit 200
bayrischen Mark zufriedenstellen. 15.000 Menschen füllen die
Ränge. Das hydraulische Absenken der Bühne mit Altar und
Pater
kündigt den Eingeweihten den Werbeblock an. Auf der
180°-Großbildleinwand schäumt Seife in 3D, brausen
Geländewagen über die Köpfe der Zuschauer hinweg und
sprühen aus versteckten Düsen Parfum, Meeres- und
Brathendldüfte. Der Kurort Oberstdorf ist über die vom Berg
herunterschwebende Duftwolke nicht ganz unglücklich, da sie die
Abgase aus Verkehr und Industrie erträglicher macht.
-
- Das Alphornblasen ist megagigantisch! Zwölf
5000-Watt-Türme bringen die Berge zum Zittern. Selbst in der
U-Bahnstation Riezlern soll das Vibrieren der Bässe noch
spürbar sein! Die Darbietung des heimatlichen Volksstückes
hingegen wirkt blaß. Die vietnamesischen Schauspieler hatten
Probleme, den bayrischen Playbacktext lippensynchron nachzuahmen.
-
- Wir beschließen, vor einer Fahrt mit der
Tobel-Bahn,
noch einen Abstecher ins Blumenmuseum zu machen, das die
Naturschutzbehörde in Kempten eingerichtet hat. In den
Gewächshäusern ist alles zu bewundern, was im tropischen
Regenwald und in heißer Wüste wächst und blüht. Zu
recht nennt sich das Fellhorn deshalb "Schönster Blumenberg
Europas"!
-
- Nach diesen anspruchsvollen, geistigen Dingen steht
uns
wieder der Sinn nach körperlicher Betätigung. Ein
Luftkissengleiter bringt uns zur Tobelbahn. Unter Einsatz unserer
Ellenbogen ergattern wir Plätze im ersten Wagen. Mit engen Kurven
und Loopingschleifen stürzt sich die Tobelbahn zu Tal. Die
geschwungenen Rinnen der natürlichen Tobel waren für die
Anlage der Bahn wie geschaffen. Stahl und Beton haben aus einem
Rohprodukt ein Meisterwerk geformt. Unglücklicherweise müssen
sich die Kinder auf halber Strecke übergeben.
-
- Unten im Tal genießen wir noch einmal den Blick
auf
den Fellhorn-Funpark. Wir müssen einige Schritte zur Seite gehen,
denn neben uns tost das Wasser in einen Sammelschacht, was eine
Verständigung unmöglich macht. Ein ausgeklügeltes
Drainagesystem nimmt das Niederschlagswasser am Berg auf und leitet es
zusammen mit den Abwässern in den Bach. Der greise Mann vom
Sex-Shop erzählt uns, daß es früher noch Wald auf dem
Fellhorn gegeben habe. Durch die Bergplanierung und die Auslegung mit
Kunstrasen gab es immer wieder Probleme bei der Wasserableitung. Der
nachträgliche Einbau der Drainage hat dann dieses Manko in
hervorragender Weise beseitigt. Aus Höflichkeit kaufen wir ein
Päckchen "Edelweiß-Kondome".
-
- Das Auto lassen wir uns nach Kempten chauffieren,
denn
keiner hat nochmals Lust auf die Tunnelfahrt. Wir nehmen den
Helikopter,
der uns im Tiefflug ins Alpenvorland bringt. Nächstes Jahr
besuchen
wir den Mount-Kenia-Funpark. Dort ist alles noch eine Nummer
größer!
-
- eRich Lutz
|
|